Dritte Auflage des INT-Wanderführers

Es gibt derzeit nur einen englischen Wanderführer für den Israel National Trail. Und der enthält die einzigen verfügbaren englischen Landkarten. Deshalb ist das „rote Buch“ für ausländische Wanderer wohl alternativlos – trotz seines hohen Preises und einiger Schwächen. Fünf Jahre nach der zweiten ist nun die dritte Auflage erschienen.

Ich war auf meinen Wanderungen mit der zweiten Auflage unterwegs – und nicht zufrieden. Das Buch war groß, unhandlich und schwer. Es passte weder in die Jacken- noch in die Hosentasche, aber ich wollte auch nicht jedes Mal den Rucksack absetzen, um den Führer zu konsultieren. In meiner Not fing ich an, die Seiten einzeln herauszutrennen – und trug fortan ein schwer zu überschauendes Sammelsurium von Blättern in den Taschen. Meine Kritik formulierte ich deutlich hier auf meiner Website. Mitautor Jacob Saar meldete sich bei mir, und es entspann sich eine lange Diskussion über sein Buch. Nun hat er mir die dritte Auflage zur Rezension geschickt.

Sie ist tatsächlich dünner und leichter (270 Gramm). Das Buch umfasst gut hundert Seiten plus Landkarten. Die sind aktualisiert worden, was sich besonders im hohen Norden bemerkbar macht, wo der Israel National Trail schon vor Jahren verlegt worden war. Die Landkarten im Maßstab 1:50.000 sind laut Jacob auch für den hohen Preis des Reiseführers verantwortlich. Der liegt derzeit bei etwa 50 Euro.

Erstmals ist in dem Buch nun auch der Wegverlauf in beiden Richtungen durchgehend beschrieben. Allerdings hat das zur Folge, dass sich viele Informationen doppeln. Die Autoren empfehlen ausdrücklich, die nicht benötigten Seiten herauszutrennen. Eine Perforation, die das vereinfachen würde, fehlt allerdings.

Trotzdem bleibt der Führer meiner Meinung nach unhandlich, erstens wegen seines Formats und zweitens, weil man zwischen den Informationen zur Tagesetappe, die sich über mehrere Seiten erstrecken können, und den Landkarten immerzu hin- und herblättern muss. Besser gefallen hätten mir Kärtchen im Hosentaschenformat, auf denen vorne die Infos stehen, und auf deren Rückseite die dazu passende Karte zu sehen ist. Diese Kärtchen ließen sich optimal in einer Landkartentasche gegen Regen schützen. Das ist auch notwendig, weil die im Wanderführer enthaltenen Landkarten sich bei Nässe auflösen.

Die sehr ausführlichen Wegbeschreibungen halte ich für verzichtbar, denn welchen Weg ich einschlagen soll, kann ich auch der Karte entnehmen. Und wer keine Landkarte lesen kann, sollte das schleunigst lernen, bevor er sich in die Wüste aufmacht. Die Hintergrundinformationen hingegen könnten ausführlicher sein. Zwei von vielen Beispielen: Der Leser erfährt zwar, dass das Wasser im Yarkon-Fluss verschmutzt sein könnte. Aber nicht, dass dort 1997 mehrere Sportler der Makkabiade (einer Art jüdischer Olympiade) ums Leben kamen, als eine Brücke einstürzte – und zwar wegen der miserablen Wasserqualität. Der Führer erwähnt das Beduinen-Museum beim Kibbuz Lahav, aber nicht die dortige Schweinezucht – eine Besonderheit in einem Land, in dem Schweine als unkoscher gelten und deren Zucht eigentlich verboten ist. Man merkt dem Führer an, dass er für Israelis geschrieben wurde. Ausländische Wanderer möchten über Israel gewiss noch viel mehr wissen. Beides – weniger Wegbeschreibungen und mehr Hintergrundinformation – ließe sich womöglich gewichtsneutral realisieren, ohne dass der Wanderführer dadurch schwerer würde.

Ich war erfreut zu erfahren, dass Jacob offenbar genau das plant: eine komplette Neustrukturierung des Führers. Somit könnte auch die Unterteilung in einen Nord-Süd- und einen Süd-Nord-Teil entfallen. Auch sollen weitere Auflagen schneller folgen. Dass es zuletzt fünf Jahre gedauert hat, lag wohl daran, dass Israel Survey, eine Behörde, so lange brauchte, um die Landkarten auf den neuesten Stand zu bringen.

Etwas Anderes wird sich womöglich nicht ändern. Ausführlich widmet sich das Buch den archäologischen und religiösen Sehenswürdigkeiten Israels, seinen Museen, Mahnmälern und Erinnerungsstätten. Also den offiziellen Touristenspots. Die seit Jahrzehnten andauernden gesellschaftlichen und sozialen Konflikte des Landes blendet es dagegen aus. So erfährt der Leser auch nicht, warum sich ein christliches Kloster am Israel National Trail und auf halbem Weg zwischen Tel Aviv und Jerusalem mit Stacheldrahtzaun und Schäferhunden schützen muss. Und er bekommt nur am Rande mit, dass es in Jisr az-Zarqa, einem der sehr wenigen arabischen Orte auf dem Trail, ein Gästehaus gibt. Aber das war es auch schon. Tatsächlich lässt sich gerade in Jisr az-Zarqa prima erfahren, wie die arabisch-muslimische Minderheit in Israel lebt. Das Gästehaus (Juha’s Guesthouse) ist das erste und einzige in diesem Ort und ein Zeichen der Hoffnung. Es wurde nämlich von einem ungewöhnlichen Paar gegründet: der jüdischen Rechtsanwältin Neta und dem muslimischen Unternehmer Ahmad. Ihr Projekt soll den armen Ort, in dem es kaum Arbeitsplätze gibt, nach vorn bringen. Ich habe Jisr az-Zarqa in meinem Buch ein ganzes Kapitel gewidmet („Fünfmal ruft der Muezzin“) und kann jedem an der Gesellschaft interessierten Israel-Besucher nur empfehlen, eine Nacht in Juha’s Guesthouse zu verbringen.

Jacob Saar ist der Meinung, dass Politik in einem Reiseführer nichts zu suchen habe. Ich halte dagegen, dass man Israel ohne politischen Hintergrund gar nicht verstehen kann. Das bedeutet ja nicht, dass man sich im Nahost-Konflikt auf eine Seite stellen muss. Sondern es bedeutet, die Gesellschaft und das Land zu erklären, durch das der Leser wochenlang wandert. Das ist, wenn Sie mich fragen, die vornehme Aufgabe eines jeden Reiseführers.

Jacob Saar und Yagil Henkin, Israel National Trail, 3. Auflage, 2016.

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